Pralinen-Zugaben munden noch immer

Im November 1989, nur ein paar Tage nach der Grenzöffnung, hatten sich vier couragierte Musikerinnen von Meiningen aus mit ihrem Wartburg auf den Weg in den Westen gemacht.

Pralinen-Zugaben munden noch immer; Damensalonorchester Bonbonniere im Schlundhaus Bad KönigshofenDörte Willkommen, die Geigerin, Cellistin Renate Kubisch, Bassgeigerin Meike Zeisberg und Pianistin Viola Bornscheuer wollten einfach mal gucken, aber sich gleichzeitig erkundigen, ob ihre Musik auch im anderen Teil Deutschlands Erfolg haben könnte. Denn in der DDR hatten sich die vier jungen Frauen bereits einen Namen gemacht. Als „Damensalonorchester Bonbonniere“ traten sie nicht nur in Meiningen auf, sondern in der gesamten Republik von Oberhof bis zur Ostsee. Über Fernsehauftritte waren sie zusätzlich im ganzen Land bekannt.

Pralinen-Zugaben munden noch immer; Damensalonorchester Bonbonniere im Schlundhaus Bad Königshofen
Bonbonnieres Liebling: Christian Fischer inmitten der Musikerinnen, die ihn seit 25 Jahren besuchen mit (von links) Viola Bornscheuer, Renate Kubisch, Dörte Willkommen und Meike Zeisberg.
Zusammengefunden hatten sie sich 1985, weil sie Musik mit Leidenschaft betrieben und weil eine von ihnen einen gut gefüllten Notenschrank geerbt hatte. „Noten waren in der damaligen DDR kostbar“, sagt Cellistin Renate Kubisch, „und als wir sahen, welche Schätze sich in dem Schrank befanden, stand unser Entschluss fest. Wir wollten mit den flotten Melodien, den Salonschlagern der 20er-Jahre, den Kaffeehausweisen und Operettenmelodien die Leute in gute Stimmung versetzen.“ Zum Markenzeichen erkoren sie sich eine Bonbonniere, also eine Pralinenschachtel, die eigens für sie in der Requisitenkammer des Meininger Theaters gefertigt wurde. Dieser Behälter ist immer dabei, wenn sie auftreten. Wie bei ihrer Musik ist da für jeden Zuhörer etwas drin, zum Hörgenuss gibt es gratis zum Abklang eine süße Nascherei!
Dass das Quartett vor 25 Jahren in Bad Königshofen landete, ist Christian Fischer, dem Chef des Schlundhauses, zu verdanken. Denn er war einer der Wirte, nicht der erste, wie Dörte Willkommen freimütig hinzufügt, den sie damals ansprachen. Ob er sich vorstellen könne, die vier Damen mit beschwingten Weisen in seinem Restaurant auftreten zu lassen? Fischer hatte ein sicheres Gespür für das, was seinen Gästen gefällt. Er sagte zu. das war vor 25 Jahren.

Zunächst kamen sie wöchentlich, mussten zunächst noch mit Dienstpässen und spezieller Genehmigung ausgestattet über die Zonengrenze und ihre Gage, die in DM-Mark ausgezahlt wurde, im Osten versteuern. Doch die Situation besserte sich rasch. Die vier Frauen im Frack, ihrem zweiten Markenzeichen, eroberten sich in kurzer Zeit die Herzen des Königshöfer Publikums. Einige Zuhörer kommen wirklich seit damals, sagen die Musikerinnen mit ein wenig Stolz und waren bei fast allen Auftritten dabei. Und in der Tat, auch an diesem Abend herrscht eine lockere Stimmung im voll besetzten großen Raum des Schlundhauses. Man kennt sich, man sitzt gemütlich beisammen, isst, trinkt und plaudert – während die vier Damen schwungvoll und gekonnt ihre Instrumente erklingen lassen und zwischendurch ein wenig Konversation machen.

Alle vier Musikerinnen stammen aus Meiningen. Dörte Willkommen, die Stehgeigerin, und Meike Zeisberg, die den Kontrabass spielt, arbeiten hauptberuflich im Orchester des Meininger Theaters. Cellistin Renate Kubisch hat eine Stelle am Theater in Coburg und Viola Bornscheuer ist Direktorin der Städtischen Musikschule Alfred Wagner in Suhl. Ihre Auftritte in der Badestadt sind nicht mehr ganz so häufig wie zu Beginn, aber alle zwei Monate klappt es meist. Und das ist auch gut so, denn mittlerweile sind die vier Damen im Frack und mit der Bonbonniere aus dem kulturellen Leben von Bad Königshofen nicht mehr wegzudenken.

„100 Jahre sind wir inzwischen älter geworden“, sagt Dörte Willkommen augenzwinkernd, wir haben bei unseren Fahrten hierher rund 15 000 Kilometer zurückgelegt und in den 25 Jahren neun Kinder zur Welt gebracht!“ Eine stolze Bilanz.

Am Freitagabend absolvierten sie ihren 173. Auftritt. Das Publikum war so begeistert, wie vor 25 Jahren. Man kann also davon ausgehen, dass die vier Musikerinnen in den kommenden Jahren noch ein paar mehr Kilometer abspulen werden. Die Fahrzeit immerhin, sagen sie, habe sich seit dem Bau der Autobahn doch erheblich reduziert.
Bonbonniere
Das Damensalonorchester Bonbonniere bietet ein umfangreiches Programm, das neben Kaffeehausmusik, Schlagern, Operetten und Wiener Walzern mittlerweile auch Tanzmusik wie Foxtrott, Tango oder Paso Doble im Programm hat. Dabei holen die Damen sie sich Verstärkung von Schlagzeugern oder Sängern. Sie treten in Restaurants oder Hotels auf und bereichern gerne auch private Feiern und Feste.

(Quelle: Alfred Kordwig, MainPost Bad Königshofen, 16.03.2015)